Montag, Dezember 08, 2008

So viele Fragen.

»Am Anfang nahm der Erfinder ein Häufchen Erde, er knetete eine Frau und einen Mann und verheiratete die beiden. Doch die Frau hatte sich vom Leben mehr erhofft. Sie breitete die Arme aus, erhob sich in die Luft und flog ans Meer. Der Erfinder schickte ihr drei Engel nach, um sie zu verhaften. Doch die Frau sagte nur: »Ich gehe nicht zurück«, und als die Engel sie wegtragen wollten, zappelte sie und sperrte sich und nannte ihren Mann ein Weichei. Die Engel zerrten sie ins Wasser, drückten ihren Kopf nieder und versuchten sie zu ertränken. Doch die Frau war nicht so leicht zu töten, und irgendwann befahl der Erfinder, sie in Ruhe zu lassen. »Was willst du eigentlich?«, fragte er die Frau. »Soll ich dir einen anderen Mann geben? Dann müsstet ihr aber in der Unterwelt leben, hier oben hast du dich unmöglich gemacht.« »Mir ist alles recht«, sagte die Frau und ordnete ihr Haar, »solange ich nicht zurückmuss.« Der Erfinder gab ihr einen besseren Mann, schickte beide in die Unterwelt und flog wieder nach Hause. »Ja, und was ist mit mir?«, fragte ihr erster Mann. Er tröstete sich schnell, als der Erfinder versprach, ihm drei anspruchslosere Frauen zu geben.« (Achtzehnte sternklare Nacht)

Tim Krohn.

Zum Sterben schön

Ihr Erkennungsmerkmal war ein geschnitzter Totenkopf am Instrument. Sie führten die Trauerzüge an und musizierten vor offenen Gräbern, um die Seelen der Verstorbenen zu reinigen und die Zuhörer zu Tränen zu rühren. Seit den kulturellen Umwälzungen der Reformationsjahre waren sie zu hören - nur von denen nicht, deren tränenreichem Gedenken ihr schmerzlichschönes Spiel galt, den Toten: die Beerdigungs-Violinisten (auch "Totengeiger") ersetzten die römisch-katholischen Bestattungsrituale im protestantischen Europa. Doch die Geschichte der zutiefst bewegenden Begräbnis-Kompositionen geriet nach einer geheimen gegenreformatorischen Aktion des Vatikans in Vergessenheit. Allein einem glücklichen Zufall ist es zu verdanken, dass der britische Violinist und Musikologe Rohan Kriwaczek bei seiner Suche nach besonders tragischer Musik auf die letzten, seither in hermetischer Abgeschiedenheit lebenden Mitglieder der Zunft der Begräbnisviolinisten stieß und dabei zugleich Licht in ein düsteres Kapitel der jüngeren Kirchengeschichte brachte.

Rohan Kriwaczek hat es sich zur Aufgabe gemacht, das Erbe der anrührenden Kunstform zu bewahren und die Zunft ins 21. Jahrhundert zu führen. Nach langem Zögern hat der Vorstand der Gilde der Begräbnisviolinisten die uneingeschränkte Veröffentlichung seiner Forschungsergebnisse erlaubt. Dem Buch konnten daher originale Notenbeispiele beigefügt werden. Nach der Vernichtung der meisten Dokumente durch die Gegner des spirituellen Brauchs ist allerdings verständlich, warum "Eine unvollständige Geschichte der Begräbnisvioline" in einigen Punkten spekulativ bleiben muss. Kritiker, die das ganze Unterfangen für einen rabenschwarzen practical joke halten, liegen allerdings ebenso falsch wie diejenigen, die der aufwändiger Spurensuche im Dickicht der historischen Eventualitäten mit indigniertem Dünkel gegenüberstehen. Die Geschichte der Begräbnisviolinie ist zu schön, um sie nicht zu erfinden.